Fallbeispiel Romy (San Amour x Lamerto H)

Kennengelernt habe ich die 2010 geborene Westfalenstute im Sommer 2016. Ihre Besitzer baten mich auf Empfehlung von Anja Beran um Hilfe, da Romy Widersetzlichkeiten und Rittigkeitsprobleme zeigte. Die unerfahrenen aber enorm engagierten Pferdebesitzer hatten erkannt, dass sie nicht auf dem richtigen Weg waren und schafften umgehend Abhilfe.

Ist-Zustand Juli 2016

Die eigentlich grundanständige Stute zeigte Abwehrreaktionen beim Putzen und Satteln, wie Beißen, Kopf- und Schweifschlagen und Ohren anlegen. Ihre Muskulatur war wenig ausgeprägt, die Rückenlinie verkrampft und das ganze Pferd in sich schief.

An der Longe traten die Probleme deutlicher zu Tage: extremes Verwerfen im Genick, Taktfehler vorne rechts und eine nicht gleichmäßig arbeitende Kruppe.

Den ersten Reitversuch brach ich nach kürzester Zeit ab, da sie beim ersten Ansatz sie ganz leicht nach rechts zu stellen blockierte und anstieg.

Romy zeigte alle Anzeichen einer erlernten Hilflosigkeit und war sehr in sich gekehrt. Außerdem koppt sie.

Die Überprüfung durch Tierarzt und Osteopath ergab Blockaden in Halswirbelsäule und Schulter, sowie Wirbelblockaden in der Brustwirbelsäule. Der Verdacht, dass der Beckenschiefstand von ca. acht Zentimetern mit einer Beckenfraktur zusammenhängen könnte, bestätigte sich zum Glück nicht.

Maßnahmen

Regelmäßige osteopathische Behandlung, Austausch des unpassenden Sattels und feine Gymnastizierung unter Ausschluss degenerativer und weiterer traumatischer Einflüsse.

Will heißen, Romy wurde zunächst einmal einige Wochen mit Kappzaum longiert auf großen Linien, um erst einmal wieder ins Gleichgewicht zu finden. Parallel dazu wurden an der Hand Rückwärtsrichten und Übertreten erarbeitet, um sie sanft zu mobilisieren.

Auch die Haltung wurde verbessert. Durch einen Stallwechsel konnte sie nun täglichen, mehrstündigen Weidegang mit zwei weiteren Stuten genießen.

Als es dann wieder ans Reiten ging, galt es zunächst einmal ihr zu vermitteln, dass die Reiterhand freundlich und passiv ist. Sie wurde quasi wie eine junge Remonte mit langem Hals gearbeitet, so dass sich nach einer Weile auch das Stoßen und Reißen in den Zügel verbesserte. Desweiteren wurde Romy etwa zwei Mal in der Woche longiert (auch über Stangen) und im Gelände am Berg gearbeitet. Ich begleitete die Besitzer dabei durch Trainingspläne und einmal wöchentlichen Unterricht/Beritt.

Weiterführende Arbeit

Im Mai 2017 zog ich ins Allgäu um und Romy´s Besitzer gaben mir die hochveranlagte Stute zum weiteren Beritt mit. So konnte ich mich in der Folgezeit noch genauer mit ihrer Schiefe auseinandersetzen. Romy ist rechts steif und links hohl. Sie ließ sich – wie bereits erwähnt – rechts sehr schlecht stellen, den rechten Schenkel akzeptierte sie kaum oder reagierte mit völligem Blockieren, nach dem Schenkel beißen (ich reite sie grundsätzlich ohne Sporen) und Ansteigen. Der Linksgalopp war lange Zeit nur in Außenstellung möglich, da sie in Linksstellung stockte, ausfiel oder auf der Stelle mit beiden Hinterbeinen gleichzeitig galoppierte. Sie setzt den Reiter stark nach rechts, vor allem auf der rechten Hand. Hinzu kommt, dass Romy die Längsbiegung relativ schwer fällt und sie in den Schultern sehr gebunden ist. Das führt dazu, dass sie gerne auf die Vorhand fällt, was sich in einem Auf-die-Hand-drücken und Stolpern äußert. Anfangs ist sie sogar ein paar Mal fast gefallen.

Korrektur

Grundsätzlich reite ich Romy eigentlich nie mehr als drei Tage hintereinander, da sie dann von ihrem empfindlichen Rücken und ihrer Psyche her eine Pause vom Gewicht im Sattel braucht. An den reitfreien Tagen longiere ich sie (auch mit Cavaletti), mache Handarbeit, lasse sie Freispringen oder gehe spazieren. Außerdem hat sie ein bis zwei Tage in der Woche frei.

Den Schwerpunkt der dressurmäßigen Gymnastizierung bildet die Arbeit an ihrer Schiefe. Dazu gehört die Verbesserung von Stellung und Biegung auf der rechten Seite. Schenkelweichen und Übertreten rechts helfen Romy von der rechten Schulter weg zu treten, den rechten Schenkel besser zu akzeptieren, den Bauchpendel auch nach links zuzulassen, recht im Genick loszulassen und die Hinterhand zu mobilisieren.

Schulterherein rechts, gerne auch kombiniert mit Schritt-Trab-Schritt und Trab-Halt Übergängen, stärken das schwache rechte Hinterbein, verbessern die Schulterfreiheit und Durchlässigkeit. Im weiteren Verlauf der Arbeit habe ich zunehmend auch Travers, Renvers und Traversalen mit ins Programm aufgenommen, immer mit dem Schwerpunkt auf die Rechtsstellung und -Biegung. Der Wechsel zwischen den einzelnen Seitengängen sorgt für eine variantenreiche Belastung der Hinterhand. So wurden Rückentätigkeit, Aktivität der Hinterhand uns Versammlungsbereitschaft Zug um Zug besser.

Aber: auch wenn es sich hier so liest, als würde ich nur in Rechtsbiegung seitwärts reiten, ist das nur die halbe Wahrheit. Auch Linksstellung und -Biegung werden geritten und abgefragt. Allerdings fühle ich genau in die Stute hinein. Sobald sie wieder auf die rechte Schulter fällt, korrigiere ich entsprechend. Volten und Zirkel in Aussenstellung, Zulegen und Abfangen sowie viele viele Übergänge runden die Arbeit ab.

Besonders anspruchsvoll gestaltete sich zunächst die Arbeit im Galopp, denn in dieser Gangart bohrte sich Romy geradezu in den Boden. Entsprechend ihrer Schiefe bereite ich den Galopp auf der rechten Hand vielfach aus dem Schulterherein oder dem Travers vor. So aktiviere ich die Hinterhand und bekomme ein wenig „Bergauf“ ins Pferd. Um auf der linken Hand überhaupt in den Galopp zu kommen und die sensible Stute nicht zu sehr zu stressen, musste ich ihn lange Zeit durch Schenkelweichen rechts vorbereiten und in Rechtstellung galoppieren. Dadurch verhinderte ich ein zu starkes Kippen auf die rechte Schulter und konnte das rechte Hinterbein unterstützen.

Weitere Maßnahmen

Romy steht mit zwei Stuten den ganzen Tag im Wechsel auf Weide und Paddock, bekommt Heu ad libitum und jede Menge Zuwendung. Die Fütterung wurde angepasst, um den Muskelaufbau zu unterstützen. Das Koppen ist leider eine Angewohnheit, die wir nicht ganz abstellen können, aber es ist deutlich weniger geworden.

Ist Zustand Juni 2018

Aus Romy ist mittlerweile ein zuversichtliches, selbstbewusstes und aufgeschlossenes Pferd geworden. Ihre Motivation und Freude an der Arbeit wächst zusehends.

Der Beckenschiefstand und die Taktfehler vorne rechts sind verschwunden. Sie arbeitet immer mehr über einen schwingenden Rücken durch den ganzen Körper mit einer nahezu gleichmäßig starken und aktiven Hinterhand. Sie ist deutlich freier in der Vorhand, was sich vor allem im Galopp deutlich bemerkbar macht.

Neben der nie endenden Arbeit an ihrer Schiefe, (denn ihre komplette Überwindung ist eine Utopie) arbeiten wir aktuell am Außengalopp, den Galopptraversalen und der Piaffe. Und das nicht der Lektionen wegen, sondern um Romy eine kräftige Hinterhand, einen stabilen Rücken und ein gutes Körpergefühl zu geben.

Dass sich bereits sehr vieles gefestigt hat, erkennt man auch daran, dass ihr Besitzer als unroutinierter Reiter bei korrekter Hilfengebung die richtigen Reaktionen von seiner Stute bekommt. Sie ist diesbezüglich sehr heikel und hat ihn anfangs buchstäblich verhungern lassen. Nun hilft sie ihm als Lehrmeisterin, die richtigen Reiterfahrungen abzuspeichern. Und: sie ist absolut klar im Kopf und niemals gegen den Menschen!

Foto: Kiki Beelitz

Auf meinem Youtube-Kanal finden Sie einige Videos zu Romy:

https://youtu.be/mKvotUgxBsA

https://youtu.be/mKvotUgxBsA

https://youtu.be/3hLHEMLReUM