Neuroathletic – oder Reiten beginnt im Kopf

Die zentrale Frage, die wir uns als Neuroathletic Trainer speziell für Reiter (NeuoRider) stellen ist die wo Bewegung eigentlich beginnt?

Wir Reiter arbeiten an der Hilfengebung, der Feinabstimmung der Hilfen, der Kommunikation mit dem Pferd , dem Timing, der Koordination und dem Gleichgewicht. Alles Fähigkeiten, die nötig sind, um in einen möglichst harmonischen Dialog mit dem Pferd zu kommen.

Aber was, wenn wir einzelne elementare Körperteile wie beispielsweise Beine oder Hände nicht gezielt ansteuern können? Was, wenn wir nicht im Gleichgewicht sind? Wenn wir asymmetrisch sind? Wenn wir nicht gut Atmen? Wenn unser visuelles System nicht optimal arbeitet?

All das sind Themen, die im Neuroathletic-Training angegangen werden können.

Denn Bewegung beginnt im Kopf!

Unser Gehirn steuert Bewegung nicht nur, es korrigiert sie auch. Ziel dieses neuartigen Trainings ist es, die Kommunikation zwischen Nervensystem und Bewegungsapparat zu verbessern. Denn um Situationen und Bewegungsabläufe gut einschätzen zu können, braucht unser Gehirn möglichst präzises Input. Sind aber die Informationen aus den propriozeptiven Sytemen (Wahrnehmung des Körpers im Raum und der Körperteile zueinander), dem Gleichgewichtssystem und dem visuellen System schlecht oder ungenau, wird im besten Fall die Bewegungsqualität einfach dementsprechend schlecht. Im schlimmsten Fall gerät unser Gehirn in Stress und schlägt Alarm.

Desweiteren haben wir es in unserer modernen Gesellschaft oft mit Bewegungsmangel, Fehl- und Schonhaltungen zu tun. Das kann dazu führen, dass die Landkarte für einzelne Körperteile in unserem Gehirn quasi schwarze Löcher aufweist. Jeder der beispielsweise einen Arm über Wochen im Gips hatte, kennt das Gefühl nicht nur seiner Kraft beraubt zu sein, sondern den Arm erst mal nicht mehr feinkoordiniert bewegen zu können. Und hier liegt auch schon die Lösung: über gezielte Übungen kann durch neuroathletisches Training die Landkarte unseres Körpers im Gehirn jederzeit wieder verbessert werden.

Eine effektivere Hilfengebung und eine ebenfalls bessere Landkarte für unser Pferd sind das Resultat.

 

Hierzu eine Aussage meines Neuroathletic-Ausbilders Marc Nölke:

"Das Pferd soll sich mit Reiter also möglichst ähnlich bewegen wie ohne. Das bedeutet - abgesehen mal von der Vorbereitung des Pferdes, dem Ort, dem Futter, der Vorerfahrungen und der Beziehung des Reiters zum Pferd - dass beim Reiter alle Rezeptoren, alle peripheren Nerven, das Rückenmark, das Kleinhirn, das Stammhirn, die Basalganglien, der Kortex usw. gut funktionieren beziehungsweise gut integriert arbeiten müssen. Daraus entsteht im Normalfall eine präzise Vorhersehbarkeit für die eigene Bewegung - und die des Pferdes, welches als ein Teil der propriozeptiven „Landkarte“ integriert im sensomotorischen Cortex abgebildet wird. Es wird Teil des Körpers des Reiters. Wenn diese Elemente da sind, kann der Reiter zentral und balanciert im Rhytmus sitzen, ohne kortikalen Aufwand - reflektorisch subcortikal stabilisiert. Das Gehirn steuert Bewegung."

 

Wenn Sie Interesse an einem Neuroathletic-Training haben, schreiben Sie mich an unter claudia.butry@neuesreiten.de.

Die Module zur NeuroRider Trainerin 1 und 2 habe ich 2019 abgeschlossen, Modul 3 erfolgt im März 2020.


Arbeit unter dem Sattel. Gesund oder schädlich? - ein Fallbeispiel

Fallbeispiel Romy (San Amour x Lamerto H)

Kennengelernt habe ich die 2010 geborene Westfalenstute im Sommer 2016. Ihre Besitzer baten mich auf Empfehlung von Anja Beran um Hilfe, da Romy Widersetzlichkeiten und Rittigkeitsprobleme zeigte. Die unerfahrenen aber enorm engagierten Pferdebesitzer hatten erkannt, dass sie nicht auf dem richtigen Weg waren und schafften umgehend Abhilfe.

Ist-Zustand Juli 2016

Die eigentlich grundanständige Stute zeigte Abwehrreaktionen beim Putzen und Satteln, wie Beißen, Kopf- und Schweifschlagen und Ohren anlegen. Ihre Muskulatur war wenig ausgeprägt, die Rückenlinie verkrampft und das ganze Pferd in sich schief.

An der Longe traten die Probleme deutlicher zu Tage: extremes Verwerfen im Genick, Taktfehler vorne rechts und eine nicht gleichmäßig arbeitende Kruppe.

Den ersten Reitversuch brach ich nach kürzester Zeit ab, da sie beim ersten Ansatz sie ganz leicht nach rechts zu stellen blockierte und anstieg.

Romy zeigte alle Anzeichen einer erlernten Hilflosigkeit und war sehr in sich gekehrt. Außerdem koppt sie.

Die Überprüfung durch Tierarzt und Osteopath ergab Blockaden in Halswirbelsäule und Schulter, sowie Wirbelblockaden in der Brustwirbelsäule. Der Verdacht, dass der Beckenschiefstand von ca. acht Zentimetern mit einer Beckenfraktur zusammenhängen könnte, bestätigte sich zum Glück nicht.

Maßnahmen

Regelmäßige osteopathische Behandlung, Austausch des unpassenden Sattels und feine Gymnastizierung unter Ausschluss degenerativer und weiterer traumatischer Einflüsse.

Will heißen, Romy wurde zunächst einmal einige Wochen mit Kappzaum longiert auf großen Linien, um erst einmal wieder ins Gleichgewicht zu finden. Parallel dazu wurden an der Hand Rückwärtsrichten und Übertreten erarbeitet, um sie sanft zu mobilisieren.

Auch die Haltung wurde verbessert. Durch einen Stallwechsel konnte sie nun täglichen, mehrstündigen Weidegang mit zwei weiteren Stuten genießen.

Als es dann wieder ans Reiten ging, galt es zunächst einmal ihr zu vermitteln, dass die Reiterhand freundlich und passiv ist. Sie wurde quasi wie eine junge Remonte mit langem Hals gearbeitet, so dass sich nach einer Weile auch das Stoßen und Reißen in den Zügel verbesserte. Desweiteren wurde Romy etwa zwei Mal in der Woche longiert (auch über Stangen) und im Gelände am Berg gearbeitet. Ich begleitete die Besitzer dabei durch Trainingspläne und einmal wöchentlichen Unterricht/Beritt.

Weiterführende Arbeit

Im Mai 2017 zog ich ins Allgäu um und Romy´s Besitzer gaben mir die hochveranlagte Stute zum weiteren Beritt mit. So konnte ich mich in der Folgezeit noch genauer mit ihrer Schiefe auseinandersetzen. Romy ist rechts steif und links hohl. Sie ließ sich – wie bereits erwähnt – rechts sehr schlecht stellen, den rechten Schenkel akzeptierte sie kaum oder reagierte mit völligem Blockieren, nach dem Schenkel beißen (ich reite sie grundsätzlich ohne Sporen) und Ansteigen. Der Linksgalopp war lange Zeit nur in Außenstellung möglich, da sie in Linksstellung stockte, ausfiel oder auf der Stelle mit beiden Hinterbeinen gleichzeitig galoppierte. Sie setzt den Reiter stark nach rechts, vor allem auf der rechten Hand. Hinzu kommt, dass Romy die Längsbiegung relativ schwer fällt und sie in den Schultern sehr gebunden ist. Das führt dazu, dass sie gerne auf die Vorhand fällt, was sich in einem Auf-die-Hand-drücken und Stolpern äußert. Anfangs ist sie sogar ein paar Mal fast gefallen.

Korrektur

Grundsätzlich reite ich Romy eigentlich nie mehr als drei Tage hintereinander, da sie dann von ihrem empfindlichen Rücken und ihrer Psyche her eine Pause vom Gewicht im Sattel braucht. An den reitfreien Tagen longiere ich sie (auch mit Cavaletti), mache Handarbeit, lasse sie Freispringen oder gehe spazieren. Außerdem hat sie ein bis zwei Tage in der Woche frei.

Den Schwerpunkt der dressurmäßigen Gymnastizierung bildet die Arbeit an ihrer Schiefe. Dazu gehört die Verbesserung von Stellung und Biegung auf der rechten Seite. Schenkelweichen und Übertreten rechts helfen Romy von der rechten Schulter weg zu treten, den rechten Schenkel besser zu akzeptieren, den Bauchpendel auch nach links zuzulassen, recht im Genick loszulassen und die Hinterhand zu mobilisieren.

Schulterherein rechts, gerne auch kombiniert mit Schritt-Trab-Schritt und Trab-Halt Übergängen, stärken das schwache rechte Hinterbein, verbessern die Schulterfreiheit und Durchlässigkeit. Im weiteren Verlauf der Arbeit habe ich zunehmend auch Travers, Renvers und Traversalen mit ins Programm aufgenommen, immer mit dem Schwerpunkt auf die Rechtsstellung und -Biegung. Der Wechsel zwischen den einzelnen Seitengängen sorgt für eine variantenreiche Belastung der Hinterhand. So wurden Rückentätigkeit, Aktivität der Hinterhand uns Versammlungsbereitschaft Zug um Zug besser.

Aber: auch wenn es sich hier so liest, als würde ich nur in Rechtsbiegung seitwärts reiten, ist das nur die halbe Wahrheit. Auch Linksstellung und -Biegung werden geritten und abgefragt. Allerdings fühle ich genau in die Stute hinein. Sobald sie wieder auf die rechte Schulter fällt, korrigiere ich entsprechend. Volten und Zirkel in Aussenstellung, Zulegen und Abfangen sowie viele viele Übergänge runden die Arbeit ab.

Besonders anspruchsvoll gestaltete sich zunächst die Arbeit im Galopp, denn in dieser Gangart bohrte sich Romy geradezu in den Boden. Entsprechend ihrer Schiefe bereite ich den Galopp auf der rechten Hand vielfach aus dem Schulterherein oder dem Travers vor. So aktiviere ich die Hinterhand und bekomme ein wenig „Bergauf“ ins Pferd. Um auf der linken Hand überhaupt in den Galopp zu kommen und die sensible Stute nicht zu sehr zu stressen, musste ich ihn lange Zeit durch Schenkelweichen rechts vorbereiten und in Rechtstellung galoppieren. Dadurch verhinderte ich ein zu starkes Kippen auf die rechte Schulter und konnte das rechte Hinterbein unterstützen.

Weitere Maßnahmen

Romy steht mit zwei Stuten den ganzen Tag im Wechsel auf Weide und Paddock, bekommt Heu ad libitum und jede Menge Zuwendung. Die Fütterung wurde angepasst, um den Muskelaufbau zu unterstützen. Das Koppen ist leider eine Angewohnheit, die wir nicht ganz abstellen können, aber es ist deutlich weniger geworden.

Ist Zustand Juni 2018

Aus Romy ist mittlerweile ein zuversichtliches, selbstbewusstes und aufgeschlossenes Pferd geworden. Ihre Motivation und Freude an der Arbeit wächst zusehends.

Der Beckenschiefstand und die Taktfehler vorne rechts sind verschwunden. Sie arbeitet immer mehr über einen schwingenden Rücken durch den ganzen Körper mit einer nahezu gleichmäßig starken und aktiven Hinterhand. Sie ist deutlich freier in der Vorhand, was sich vor allem im Galopp deutlich bemerkbar macht.

Neben der nie endenden Arbeit an ihrer Schiefe, (denn ihre komplette Überwindung ist eine Utopie) arbeiten wir aktuell am Außengalopp, den Galopptraversalen und der Piaffe. Und das nicht der Lektionen wegen, sondern um Romy eine kräftige Hinterhand, einen stabilen Rücken und ein gutes Körpergefühl zu geben.

Dass sich bereits sehr vieles gefestigt hat, erkennt man auch daran, dass ihr Besitzer als unroutinierter Reiter bei korrekter Hilfengebung die richtigen Reaktionen von seiner Stute bekommt. Sie ist diesbezüglich sehr heikel und hat ihn anfangs buchstäblich verhungern lassen. Nun hilft sie ihm als Lehrmeisterin, die richtigen Reiterfahrungen abzuspeichern. Und: sie ist absolut klar im Kopf und niemals gegen den Menschen!

Foto: Kiki Beelitz

Auf meinem Youtube-Kanal finden Sie einige Videos zu Romy:


Longieren - wie denn nun richtig?

Longieren – wie denn nun richtig?

Das Longieren hat viele Funktionen. Es dient als Vorbereitung des Pferdes für die Ausbildung zum Reitpferd, wird als Korrekturmittel eingesetzt, kann in der Reha wertvolle Dienste leisten und sorgt außerdem schlichtweg für Bewegung.

Immer wieder werden in der Szene bestimmte Hilfsmittel und Vorgehensweisen propagiert. Es herrschen wahre Glaubenskriege über die einzig richtige Art und Weise wie zu longieren sei, über den einzig richtigen Kappzaum, darüber ob und welche Hilfszügel verwandt werden dürfen und müssen.

Pferde aber, habe ich festgestellt, halten nicht so viel von Schwarz-Weiß-Denken. Sie kennen nahezu unendliche Abstufungen von Grau. Ob und nach welcher Art und Weise ein Pferd effektiv an der Longe gearbeitet werden kann, soll und darf ist so individuell wie ihre Persönlichkeiten.

Im Laufe meiner Arbeit durfte ich viele Varianten und Vorlieben studieren, an denen ich Euch gerne teilhaben lassen möchte. Hier ein paar Beispiele:

Für meinen bunten Fuchs Gapp war das Longieren zunächst einmal Korrekturmittel. Als unreitbarer Steiger drückte er den Rücken weg und bewegte sich überhaupt nicht durch den Körper. Durch das Longieren mit Dreieckszügel konnte ich ihm anfangs aus diesem Muster helfen und Rückenmuskulatur aufbauen. Mit zunehmender Muskulatur, Bewegungsfluss und Rittigkeit wurde das Longieren aber eher zur Pflichtübung, die nicht wirklich half. Ich spürte, dass er nach dem Longieren einfach etwas schlechter lief. Damals probierte ich es dann mit Ausbindern, verschiedenen Kappzäumen und Verschnallungsvarianten. Einzig die Arbeit an der Doppellonge brachte uns in der Arbeit an der Longe weiter.

Mein Friesenmädchen Wietske war an der Longe erst mal eine ziemlich harte Nuss. Immer kam sie nach innen, rannte mich fast um oder zog mich quer über den Platz – immer schön in friesentypischer absoluter Aufrichtung und Strampeltrab. Zunächst gelang es mir sie mittels Doppellonge und Hütchen „auf Linie“ zu halten. Den Durchbruch brachten das Cavecon und viel Abwechslung mittels Stangen, Hütchen, Cavaletti und variierenden Linien. Heute geht sie an der Longe wunderbar über den Rücken und wird mit dem Micklem in Kappzaumfunktion gearbeitet.

Bei der quirligen Sky benötige ich die Longe vor allem, um ihrem Bewegungsdrang Herr zu werden. Sie ist dabei sehr fein und gut ausbalanciert, so dass ich sie auf sehr großen Linien viel galoppieren lasse. Damit dabei die Belastung für das innere Beinpaar in der Wendung nicht zu groß wird, gehe ich viel mit.

Das Mitgehen ist ja auch so ein Thema. Gemäß der klassischen Lehre ist es verpönt, bei alternativen Methoden wird es teilweise bewusst genutzt. Ich persönlich wähle je nach Pferd und Aufgabenstellung aus. Ein heftiges Pferd, welches dazu neigt davon zustürmen und sich loszureissen, halte ich konsequent auf der Zirkellinie. Auch wenn ich gezielt an Stellung und Biegung arbeiten möchte, den Zirkel verkleinere und vergrößere, bleibe ich am Platz. Longiere ich ganze Bahn mit Volten und Übergängen oder lasse das Pferd durch einen Hütchenslalom laufen, muss ich zwangsläufig mitgehen.

Am liebsten longiere ich mit Kappzaum. Auf diese Weise durchläuft das Pferd den Prozess der Equilibration auf der Kreislinie aus meiner Sicht am besten („Equilibration bezeichnet allgemein die Aufhebung des inneren Spannungszustandes eines Organismus oder eines Systems auf seine Umwelt durch diesen selbst; Selbstregulierung.“ Wikipedia)

Und auch da entscheidet das Pferd, ob ich einen schweren deutschen Kappzaum, ein Cavecon, ein portugiesisches Modell oder ein Micklem wähle.

Eine meiner Berittstuten hat beispielsweise schmerzhafte Erfahrungen mit einem portugiesischen Kappzaum gemacht. Seither bekommt sie nahezu Angst, wenn der Druck auf der Nase zu stark wird. Da aber das Einhängen der Longe in das Gebiss für mich ein No-Go ist, benutze ich ein Micklem, was wunderbar funktioniert.

Longieren ist in all seinen Variationen ein wunderbares Mittel Pferde abwechslungsreich zu arbeiten, sollte aber nicht länger als 30 Minuten durchgeführt werden. Viele Handwechsel und ein gesittetes Tempo sind ebenfalls Pflicht. Falsches Longieren oder Herumjagen auf der Kreislinie am Halfter hingegen ist verschleißend und unfallträchtig.

Wenn ihr unerfahren im Longieren seid oder unsicher, holt Euch professionelle Hilfe!